Braucht Strom einen Reisepass?
Shownotes
In Europa gilt Freizügigkeit. Man kann zwischen Spanien und Schweden ohne Reisepass und ohne Visum hin und herreisen, meistens ohne Grenzkontrollen. Der Personalausweis reicht als Dokument vollkommen aus. Beim Strom gibt es auch so etwas wie Freizügigkeit. Wir haben ja einen gemeinsamen Markt in Europa für Waren und Dienstleistungen. Aber dieser Freizügigkeit sind physikalische und damit dann auch marktliche Grenzen gesetzt. Oder anders gesagt: Ohne Straßen könnte man nur beschwerlich reisen und keine Tomaten aus Spanien importieren. Und beim Strom ist das ähnlich. Ohne Leitungen kein grenzüberschreitender Verkehr und kein Stromhandel.
Wie das alles in Europa in unserem riesigen Verbundnetz organisiert ist und wie die Märkte miteinander „gekoppelt“ sind über Interkonnektoren, darüber geben Andre Estermann und Marius Schrade Auskunft, die sich bei 50Hertz im Team Cross Border Management mit der konkreten Ausgestaltung des europäischen Strombinnenmarktes befassen.
Grundsätzlich ist der europäische Strombinnenmarkt das Ergebnis der engen Zusammenarbeit vieler Länder, damit Strom effizient und verlässlich über Grenzen hinweg gehandelt werden kann. Während früher jedes Land vor allem im eigenen Netz gewirtschaftet hat, sind die Märkte heute miteinander verbunden. Die Idee: Strom wird dort erzeugt, wo es am günstigsten und nachhaltigsten möglich ist, und kann dorthin geliefert werden, wo er gerade gebraucht wird – beispielsweise, wenn in Spanien viel Sonne scheint oder in Skandinavien Wasserkraft im Überfluss vorhanden ist.
Eine zentrale Rolle spielen Interkonnektoren. Das sind grenzüberschreitende Stromleitungen, durch die Energie physisch von einem Land ins andere transportiert werden kann. Sie sind technisch oft anspruchsvoll und werden als Hochspannungsleitungen gebaut, entweder als Freileitung, Erdkabel oder auch als Seekabel zwischen Ländern wie Belgien und Großbritannien. Neue Interkonnektoren werden gezielt geplant, um Engpässe zu vermeiden und die Stabilität im europäischen Netz zu erhöhen. Sie ermöglichen, dass Schwankungen bei der Stromerzeugung – etwa durch erneuerbare Energien – europaweit ausgeglichen werden können.
Damit der Stromhandel funktioniert, braucht es abgestimmte Regeln. Hier kommt die Marktkopplung ins Spiel. Strombörsen verschiedener Länder arbeiten zusammen, stimmen ihre Auktionen aufeinander ab und berücksichtigen dabei die verfügbare Kapazität der Interkonnektoren. Das führt dazu, dass Stromanbieter ihre Produkte nicht nur im eigenen Land, sondern auch in anderen angeschlossenen Märkten verkaufen können. Die Preise für Strom werden auf europäischer Ebene abgestimmt und Strom fließt über die Verbindungen nach Angebot und Nachfrage – immer dorthin, wo gerade Bedarf besteht.
Wer sich in das Thema richtig reinknien will – hier das Fachbuch zum Podcast: European Electricity Market Coupling – A Practitioner’s Guide. Herausgegeben von Dr. André Estermann, Marius Schrade und Louise Anderson.
Impressum
Der Podcast „Strom zum Anfassen“ ist eine Produktion der Klangkantine Studios im Auftrag von 50Hertz.
50Hertz Transmission Bereich Kommunikation, Politik und Reputationsmanagement Heidestraße 2 10557 Berlin www.50hertz.com podcast@50hertz.com
Neuer Kommentar